Kälte · DIN V 18599

Kälteerzeugung und Klimatisierung in DIN V 18599
EER, SCOP und Bilanzierung Kälte

Kältesystem-Hierarchie, EER und SCOP im Vergleich, Kältebedarf nach Nutzungsart, Free-Cooling, Rückkühlung und Bilanzierung der Kälteenergie nach DIN V 18599.

SEER 2,5–5,5 Kältemaschinen
fP Kälte-Strom = 1,8
Free-Cooling zuerst
42. BImSchV Kühlturm
Zu den FAQ Beratung anfragen
SEER 2,5–5,5
Kältemaschinen NWG
fP = 1,8
Strom Primärenergie
Free-Cool
Passive Kühlung zuerst
42. BImSchV
Kühlturm-Anforderung
Einordnung

Kälteerzeugung in der DIN-V-18599-Bilanz

Kälteenergie ist in der DIN-V-18599-Bilanz eine der primärenergetisch teuersten Energieformen: Da Kälte fast immer über Strom erzeugt wird (Kompressorkältemaschine) und Strom einen Primärenergiefaktor von fP = 1,8 hat, geht Kälteenergie überproportional in den Primärenergiebedarf ein.

Der Endenergiebedarf Kälte ergibt sich aus dem Kälte-Nutzenergiebedarf dividiert durch den SCOP (Seasonal Coefficient of Performance) der Kältemaschine: EKälte = QKälte / SCOP. Ein hoher SCOP senkt sowohl den Endenergie- als auch den Primärenergiebedarf erheblich.

Die Planungsphilosophie der DIN V 18599 folgt einer Kältesystem-Hierarchie: Zuerst passive Kühlung nutzen (Nachtlüftung), dann freie Kühlung mit Rückkühler, dann erst mechanische Kälteerzeugung. Nur wenn alle passiven Maßnahmen ausgeschöpft sind, kommt die Kompressionskältemaschine zum Einsatz.

Kältemaschine und Klimatisierung im Gewerbegebäude
Systemhierarchie

Kältesystem-Hierarchie – Free-Cooling zuerst

Die effizienteste Kühlung ist die, die gar keine Kältemaschine benötigt. Die Hierarchie beginnt mit passiven Maßnahmen und eskaliert nur wenn nötig zur mechanischen Kälteerzeugung.

Passive Kühlung – Nachtlüftung, Sonnenschutz
Kein Strombedarf · Größtes Einsparpotenzial · Immer zuerst optimieren
Freie Kühlung mit Rückkühler (Free-Cooling)
Wenn θAUL < θRück · Nur Pumpenstrom · SCOP-äquivalent > 10
Mechanische Kälteerzeugung – Kompressionskältemaschine
SEER 2,5–5,5 · Elektrischer Kompressor · Erheblicher Strombedarf
Absorptionskältemaschine (Abwärmenutzung)
COP 0,7–1,3 · Antrieb durch Abwärme oder Solarwärme · Kein Kompressorstrom

Breite der Pyramidenstufe symbolisiert den Vorrang in der Planungshierarchie: breiter = prioritärer Einsatz.

Kennwerte

EER, SEER und SCOP – Kennwerte von Kältemaschinen

Kältemaschinen werden durch verschiedene Effizienzmaßzahlen charakterisiert. Für die Bilanzierung nach DIN V 18599 ist der saisonale Wert (SEER/SCOP) maßgeblich, da Nennlastwerte die reale Effizienz überschätzen.

Grundformeln Kältemaschine COPKühlen = EER = QKälte / Wel   (Nennlastpunkt)
SEER / SCOP = saisonaler Mittelwert über das gesamte Kühlbetriebsjahr
EKälte,End = QKälte,Nutz / SCOP   [kWh/a]
Split-Klimaanlage (modern)
4,5–5,5
SEER typisch
VRF/VRV-System
4,0–5,0
SEER typisch
Kaltwasser-KKM (Neubau)
3,5–5,0
SCOP typisch
Kaltwasser-KKM (Bestand)
2,5–3,5
SCOP typisch
Absorptionskälte (Abwärme)
0,7–1,3
COP (Wärmebasis)
Alte Splitgeräte/Fensterklimaanlagen
2,0–3,0
SEER typisch
KennwertDefinitionBetriebsbedingungRelevanz DIN V 18599
EEREnergy Efficiency RatioNennlastpunkt (A35/W7)Produktdatenblatt, Vergleich
SEERSeasonal EERJahresdurchschnitt KühlenBilanzierungsgrundlage
COPCoefficient of PerformanceHeizfall (Wärmepumpe)Für reversible Anlagen
SCOPSeasonal COPJahresdurchschnitt HeizenFür WP-Modus relevant
Richtwerte

Kältebedarf nach Nutzungsart – Orientierungswerte

Der Kältebedarf variiert je nach Nutzungsart, Sonnenschutz, Gebäudehülle und internen Lasten (Personen, Beleuchtung, Geräte) erheblich.

Nutzungsart kWh/(m²·a) Einflussgrößen
Büro ohne Sonnenschutz40–80Hohe Glasflächen, Südorientierung
Büro mit gutem Sonnenschutz10–30Außenjalousien, Low-E-Glas
Hotel, Standardzimmer25–5524h-Betrieb, variabler Komfort
Krankenhaus, Allgemeinstationen50–120Medizinbetrieb, Abwärme Geräte
Einzelhandel (großflächig)60–120Beleuchtungswärme, Personen
Schulen5–20Oft ohne Klimatisierung, Nachtlüftung
Rechenzentrum200–600Hochlast IT, 24h-Kühlung
Kälteverteilung

Kälteverteilsysteme und ihr Energiebedarf

Kaltwassernetz (6/12 °C)

Zentrale Kälteerzeugung, Kaltwasserverteilung über ein Rohrnetz mit Vorlauf 6 °C und Rücklauf 12 °C. Versorgt Kühlregister der RLT-Anlagen und ggf. Kühldecken oder Fancoils.

Pumpenstrombedarf typisch 2–5 W/(m²·a). Hydraulischer Abgleich und drehzahlgeregelte Pumpen senken den Strombedarf erheblich.

Direktverdampfung (Split/VRF)

Kältemittel wird direkt im Raum verdampft (Splitgerät) oder über ein VRF/VRV-Netz verteilt. Kein Kaltwassernetz erforderlich – geringere Investitionskosten, aber schlechtere zentrale Regelbarkeit.

VRF-Systeme ermöglichen gleichzeitiges Heizen und Kühlen verschiedener Zonen und können Abwärme intern umverteilen.

Rückkühlung & 42. BImSchV

Rückkühlung – Systeme, Effizienz und Legionellenrisiko

Die Rückkühlung gibt die Kondensationswärme der Kältemaschine an die Umgebung ab. Das System hat großen Einfluss auf den SCOP der Kältemaschine und birgt bei Nasskühlern hygienische Risiken.

🌬️ Trockenkühler (Luftkondensator)
Kondensationswärme wird direkt an die Außenluft abgegeben. Effizienz sinkt bei hohen Außentemperaturen (θKond ≈ θAUL + 10–15 K). Kein Wasserverbrauch, kein Legionellenrisiko.
💧 Nasskühlturm (Verdunstungskühlung)
Verdunstung kühlt das Rückkühlwasser. Kondensationstemperatur kann bis auf 5–8 K über Feuchtkugeltemperatur sinken – erheblich effizienter als Trockenkühlturm im Sommer.
⚠️ Legionellenrisiko! Nasswärmetauscher mit offener Verdunstung unterliegen der 42. BImSchV. Pflicht: Betreiberregistrierung, regelmäßige Legionellenproben, Hygieneplan, Gefährdungsbeurteilung.
🌊 Adiabater Kühlturm
Kombination aus Trockenkühler mit adiabater Vorbenetzung. Kein offenes Verdunstungssystem, daher geringeres Legionellenrisiko. Effizienz zwischen Trocken- und Nasskühlturm.
Anforderung 42. BImSchVAnlagenbetreiberHäufigkeit
Registrierung bei BehördePflicht vor InbetriebnahmeEinmalig
Technische InspektionDurch SachkundigenJährlich
Legionellennachweis (Wasserprobe)Akkreditiertes LaborMindestens halbjährlich
BetriebstagebuchLückenlos führenKontinuierlich
GefährdungsbeurteilungSchriftlich dokumentiertBei Änderungen aktualisieren
Bilanzierung

Kälteenergie in der DIN-V-18599-Bilanz

Endenergie Kälte in DIN V 18599 EKälte,End = QKälte,Nutz / SCOPKKM

PEKälte = EKälte,End × fP,Strom  =  EKälte,End × 1,8

Primärenergieanteil Kälte ist hoch: 1 kWh Kältebedarf bei SCOP 3,0 → 0,33 kWh Strom → 0,60 kWh Primärenergie

Free-Cooling in der Bilanz

Stunden mit freier Kühlung (θAUL < Vorlauftemperatur) werden in der DIN-V-18599-Bilanz berücksichtigt. Free-Cooling-Stunden senken den mechanischen Kältebedarf und damit den Strombedarf erheblich.

Bei einem gut ausgelegten System mit adiabater Rückkühlung können in Deutschland 30–60 % der Kälteenergie als Free-Cooling gedeckt werden.

Primärenergiefaktor Strom

Mit fP,Strom = 1,8 ist der Primärenergieanteil der Kälte überproportional hoch. Ein Kältebedarf von 30 kWh/(m²·a) bei SCOP = 3,0 ergibt 10 kWh/(m²·a) Endenergie und 18 kWh/(m²·a) Primärenergie.

SCOP-Verbesserungen und Free-Cooling haben deshalb besonders hohe Hebelwirkung auf den Primärenergiebedarf und den Energieausweis.

Synergie

Abwärme der Kältemaschine nutzen

♻️

Abwärme als Wärmequelle für Heizung und Warmwasser

Eine Kompressionskältemaschine erzeugt als thermodynamisches Nebenprodukt Kondensationswärme auf einem höheren Temperaturniveau als die Verdampfungstemperatur. Diese Abwärme lässt sich für Raumheizung oder Trinkwarmwasserbereitung nutzen. Bei modernen VRF-Systemen und Heat-Recovery-Chillern können unterschiedliche Gebäudezonen gleichzeitig gekühlt und geheizt werden, was die Jahresarbeitszahl des Gesamtsystems erheblich verbessert. In der DIN-V-18599-Bilanz wird diese Wärmerückgewinnung aus der Kältemaschine als Wärmequelle berücksichtigt und reduziert den Nutzenergiebedarf für Heizung und Warmwasser entsprechend.

Optimierung

Maßnahmen zur Kälte-Effizienzsteigerung

Sonnenschutz

Außenjalousien oder Sonnenschutzverglasung reduzieren den Kältebedarf um 30–60 %. Die wirtschaftlichste Kältemaßnahme überhaupt.

Nachtlüftung

Thermische Masse des Gebäudes nachts abkühlen. Kein Maschineneinsatz – spart typisch 10–25 kWh/(m²·a) Kältebedarf.

SCOP verbessern

Moderne Kältemaschinen mit VRF/Inverter erreichen SEER > 5,0. Tausch alter Geräte mit SEER < 3,0 amortisiert sich in 5–8 Jahren.

Free-Cooling aktivieren

Rückkühler und Bypassventil nachrüsten. Bei Systemen ohne Free-Cooling: 30–60 % des Kältebedarfs passiv deckbar.

Prüfliste

Checkliste Kälteerzeugung im Gebäudeaudit

SCOP/SEER der Kältemaschine aus Herstellerdatenblatt oder Messung belegt
Kältebedarf zonenweise aus DIN V 18599 Teil 3 bilanziert
Free-Cooling-Stunden und Rückkühlsystem dokumentiert
Nasskühlturm: Registrierung nach 42. BImSchV und Legionellenprotokoll vorhanden
Pumpenstrom Kälteverteilung als Hilfsenergie in Bilanz erfasst
Abwärmenutzung der Kältemaschine auf Wirtschaftlichkeit geprüft
Häufige Fragen

FAQ – Kälteerzeugung nach DIN V 18599

Ausführliche Antworten zu EER/SCOP, Free-Cooling, 42. BImSchV, Abwärmenutzung und Bilanzierungsansatz.

EER (Energy Efficiency Ratio) ist der momentane Wirkungsgrad einer Kältemaschine am definierten Nennlastpunkt, üblicherweise bei A35/W7 (35 °C Außentemperatur, 7 °C Kaltwassertemperatur). Er beschreibt das Verhältnis von abgegebener Kälteleistung zu aufgenommener elektrischer Leistung. Der EER ist ein Vergleichswert für die Produktauswahl, bildet aber den realen Betrieb nur ungenau ab, da Kältemaschinen selten im Nennlastpunkt betrieben werden. SCOP und SEER (Seasonal Energy Efficiency Ratio) dagegen beschreiben den saisonalen Jahresmittelwert über alle Betriebszustände und Außentemperaturen. Für die DIN-V-18599-Bilanzierung ist der SCOP/SEER der relevante Kennwert, da er die Jahresenergieeinsparung realistisch abbildet. Typisch liegt der SEER eines modernen Kaltwasser-Chillers bei 3,5–5,0, der EER am Nennpunkt kann dagegen 2,5–3,5 betragen.

Free-Cooling ist wirtschaftlich, wenn die Außenluft- oder Rückkühltemperatur unter die erforderliche Vorlauftemperatur des Kühlnetzes fällt. Bei einem Standard-Kaltwassernetz mit 6/12 °C ist Free-Cooling ab einer Außentemperatur von typisch unter 10–12 °C möglich. In Deutschland sind das an vielen Standorten 2.500–4.000 Stunden pro Jahr. Je mehr Betriebsstunden mit Free-Cooling gedeckt werden können, desto schneller amortisiert sich die erforderliche Infrastruktur (Bypassventil, ggf. Wärmetauscher). Besonders wirtschaftlich ist Free-Cooling bei Rechenzentren oder Produktionsbetrieben, die ganzjährig und rund um die Uhr kühlen müssen. Durch Anhebung der Vorlauftemperatur (z. B. auf 10/16 °C bei Kühldecken) lassen sich die Free-Cooling-Stunden auf über 5.000 h/a erhöhen.

Die 42. BImSchV (Verordnung über Verdunstungskühlanlagen, Kühltürme und Nassabscheider) gilt für Nasskühlsysteme mit offenem Wasserkreislauf. Die behördlich geforderte technische Inspektion durch einen Sachkundigen kostet typisch 500–2.000 Euro je Anlage und Jahr, abhängig von Anlagengröße und Aufwand. Hinzu kommen die Kosten für mikrobiologische Wasserproben auf Legionellen: 100–300 Euro je Probe (mindestens halbjährlich vorgeschrieben). Für die erforderliche Gefährdungsbeurteilung und den Hygieneplan fallen einmalig 800–3.000 Euro an. Die Registrierung bei der zuständigen Behörde ist verpflichtend und kostenfrei. Wichtig: Bei Überschreiten des Legionellen-Grenzwerts von 1.000 KBE/100 ml muss die Anlage unverzüglich abgeschaltet und saniert werden – Betriebsausfall und Sanierungskosten können erheblich sein.

Ja, Kompressionskältemaschinen erzeugen als thermodynamisches Nebenprodukt immer Kondensationswärme auf einem höheren Temperaturniveau als die zu kühlende Seite. Diese Abwärme kann für Raumheizung, Trinkwarmwasserbereitung oder Prozesswärme genutzt werden, wenn das Temperaturniveau ausreicht. Moderne VRF/VRV-Systeme ermöglichen sogenannte „Heat-Recovery"-Betriebsmodi, bei denen verschiedene Gebäudezonen gleichzeitig gekühlt und geheizt werden – die Wärme aus dem Kühlbereich wird direkt in den Heizbereich transferiert. Sogenannte Heat-Recovery-Chiller erzeugen gleichzeitig Kaltwasser und Heizwasser auf einem definierten Temperaturniveau. In der DIN-V-18599-Bilanz wird diese Wärmerückgewinnung aus der Kältemaschine als Wärmequelle für Heizung oder TWW berücksichtigt und reduziert den entsprechenden Nutzenergiebedarf.

Die Bilanzierung der Kälteenergie erfolgt in DIN V 18599 in mehreren Schritten. In Teil 3 wird der thermische Kältebedarf QKälte,Nutz monatlich je Lüftungszone ermittelt – aus Kühllast durch Transmission, solare Gewinne, interne Lasten (Personen, Beleuchtung, Geräte) und thermische Masse. In Teil 7 wird der Endenergiebedarf der Kälteerzeugung berechnet: EKälte,End = QKälte,Nutz / SCOP. Da Kälte fast immer über Strom erzeugt wird, gilt der Primärenergiefaktor fP,Strom = 1,8. Der Pumpenstrom für die Kälteverteilung und etwaige Zusatzkomponenten (Rückkühler, Regelventile) werden als Hilfsenergie gesondert erfasst. Free-Cooling-Stunden reduzieren den Anteil der maschinell erzeugten Kälteenergie und werden in der Bilanz berücksichtigt, wenn entsprechende Systemangaben vorliegen.

Weitere Themen

Verwandte Beiträge

Kälte-Effizienz in Ihrem Gebäude analysieren

Unsere Experten bewerten Ihr Kältesystem im Rahmen eines vollständigen Gebäudeaudits nach DIN V 18599 – mit SCOP-Ermittlung, Free-Cooling-Potenzialanalyse und Wirtschaftlichkeitsrechnung.

Beratung anfragen Leistungen ansehen