Signifikante Energieeinsätze

Produktionsanlagen im Energieaudit

In produzierenden Unternehmen entfallen 40–70 % des Gesamtenergieverbrauchs auf Maschinen und Anlagen. Erfahren Sie, wie Produktionsanlagen systematisch erfasst, gemessen und bewertet werden – und welche Maßnahmen die größten Einsparungen bringen.

ca. 9 Min. Lesezeit Aktualisiert Mai 2026 DIN EN 16247-1

Warum Produktionsanlagen fast immer Priorität haben

Beim Energieaudit nach DIN EN 16247 steht die Identifikation der Signifikanten Energieeinsätze (SEU) im Mittelpunkt. Als SEU gilt ein System, das mehr als 10 % des Gesamtenergieverbrauchs verantwortet oder ein besonders hohes Einsparpotenzial aufweist. In der verarbeitenden Industrie erfüllen Produktionsanlagen dieses Kriterium in nahezu allen Fällen – schon eine einzige Großmaschine wie eine Pressstraße, ein Spritzgussautomat oder ein Industrieofen kann 20–30 % des betrieblichen Stromverbrauchs ausmachen.

Dazu kommt die Nutzungsdichte: Maschinen laufen im Mehrschichtbetrieb oft 6.000–7.000 Stunden pro Jahr bei installierter Leistung von mehreren hundert Kilowatt. Selbst kleine prozentuale Verbesserungen addieren sich über das Jahr zu erheblichen Einsparungen in absoluten Kilowattstunden und Energiekosten.

Anteil am Gesamtverbrauch

Produktionsmaschinen verursachen in Industriebetrieben typisch 40–70 % des gesamten Energieverbrauchs.

Einsparpotenzial

Durch gezielte Maßnahmen sind 15–35 % Einsparung bei Produktionsanlagen ohne Produktionseinbußen realistisch.

Amortisation

Frequenzumrichter, Leckageortung und Wärmerückgewinnung amortisieren sich häufig in 1–4 Jahren.

Energiepyramide der Produktion — typische Verbrauchsanteile

Prozesswärme
45 %
Druckluft
20 %
Antriebe
15 %
Kälte
12 %
Beleuchtung
8 %

Richtwerte für mittlere Industriebetriebe; starke Abweichungen je nach Branche möglich

Datenerhebung: Was für Produktionsanlagen benötigt wird

Eine vollständige Datenbasis ist die Grundvoraussetzung für eine belastbare Bewertung. Die Erhebung erfolgt in zwei Schritten: Ersterfassung aus vorhandenen Unterlagen, dann Messung oder Berechnung des tatsächlichen Verbrauchs je Anlage.

Primärquellen der Datenbasis

  • Typenschilder (Nameplate Data): Nennleistung, Nennstrom, Wirkungsgrad, Drehzahl – dienen als Ausgangsbasis für die Verbrauchsabschätzung
  • Betriebsstunden: Schichtprotokolle, Maschinenstundenzähler, MES-Daten oder Instandhaltungsaufzeichnungen
  • Lastfaktoren: Verhältnis von mittlerer Lastleistung zu Nennleistung; bei spanabhebenden Maschinen typisch 0,4–0,6, bei Hydraulikpressen 0,3–0,7
  • Schichtmodelle: Einschicht-, Zweischicht- oder Dreischichtbetrieb – bestimmt die Jahresbetriebsstunden direkt
  • Stillstandsverbräuche: Leerlaufleistung im Nicht-Produktionsbetrieb – in vielen Betrieben ein unterschätzter Posten
  • Wartungsaufzeichnungen: Hinweise auf altersbedingte Ineffizienzen, Lagerschäden oder Kühlmittelprobleme

Messen vs. Berechnen — die richtige Methode wählen

Berechnungen aus Typenschilddaten können um ±30 % vom tatsächlichen Verbrauch abweichen. Für Anlagen, die als SEU eingestuft sind oder mehr als 5 % des Gesamtverbrauchs ausmachen, ist eine Messung unbedingt empfehlenswert.

Faustregel: Je höher der Verbrauchsanteil einer Anlage, desto wichtiger ist eine direkte Messung statt Schätzung. Für Investitionsentscheidungen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen ist eine belastbare Messgrundlage zwingend erforderlich.

  • Klemmmessgerät: Schnelle Strommessung ohne Eingriff in die Installation; geeignet für erste Einschätzung und Screening
  • Portabler Leistungsanalysator: Misst Wirk-, Blind- und Scheinleistung sowie Oberwellen; Messdauer mindestens eine vollständige Schicht
  • Dauerhafter Subzähler: Für Anlagen mit hohem Verbrauchsanteil oder wenn Lastgangdaten für kontinuierliches Monitoring benötigt werden
  • Berechnung: Nennleistung × Betriebsstunden × Lastfaktor — nur für Anlagen unterhalb der SEU-Schwelle oder zur Plausibilitätsprüfung

Maßnahmen nach Anlagetyp: Übersicht und Bewertung

Die wirksamsten Maßnahmen unterscheiden sich je nach Anlagentyp erheblich. Die folgende Tabelle gibt einen orientierten Überblick über typische Verbrauchsanteile, den zu erwartenden Messaufwand im Audit und bewährte Effizienzmaßnahmen.

Anlage / System Typischer Anteil Messaufwand im Audit Maßnahmenbeispiel
Industrieöfen / Trockner 20–40 % (Gas/Strom) Mittel — Gasverbrauchsmessung, Abgasanalyse Verbrennungsoptimierung, Abgaswärmerückgewinnung, Ofenisolierung verbessern
Druckluftanlage 15–25 % (Strom) Gering — Leistungsmessung am Kompressor, Ultraschall-Leckageortung Leckagebehebung, Druckabsenkung, Kompressorwärmerückgewinnung
Elektromotoren / Antriebe 10–20 % (Strom) Mittel — Klemmstrommessung, Drehzahlprotokoll Tausch auf IE3/IE4-Motoren, Frequenzumrichter nachrüsten, Lastoptimierung
Kälteanlagen / Prozesskühlung 8–18 % (Strom) Mittel — Leistungsmessung, COP-Berechnung Free-Cooling, Kältespeicher, Sollwertanhebung, effizienter Kältekreis
Hydraulikpressen 5–15 % (Strom) Gering — Leistungsmessung über Produktionszyklus Servo-hydraulische Antriebe, Bedarfsabschaltung im Leerlauf
Spritzgussmaschinen 5–15 % (Strom) Gering — Stichprobenmessung über mehrere Zyklen Elektrische statt hydraulische Antriebe, Zylinderisolierung, optimierte Zykluszeiten

Prozesswärme: der größte Hebel in vielen Branchen

In Metall-, Keramik-, Lebensmittel- und Chemiebetrieben ist Prozesswärme der mit Abstand größte Energieposten. Die wichtigsten Ansätze zur Effizienzverbesserung:

  • Abgaswärmerückgewinnung: Rekuperatoren oder Regeneratoren gewinnen 20–40 % der Ofenenergie zurück; besonders wirksam bei Temperaturen über 600 °C
  • Verbrennungsoptimierung: Luftzahlregelung (Lambda-Regelung), regelmäßige Brennerwartung; schon 10 % Luftüberschuss kosten rund 0,5 % Wirkungsgrad
  • Thermische Isolierung: Ofenwände, Türdichtungen, Verbindungsleitungen — oft günstige Maßnahme mit sehr schneller Amortisation
  • Abwärme aus Druckluftkompressoren: Bis zu 80 % der elektrischen Antriebsenergie werden als Wärme frei und können für Heizung oder Niedertemperaturprozesse genutzt werden
  • Kühlwasser-Abwärme: Wärmetauscher zur Nutzung von Kühlkreislaufwärme für Warmwasser oder Raumheizung

Druckluft: die teuerste Energieform im Betrieb

Druckluft gilt als teuerste Energieform in der Produktion — 1 kWh pneumatischer Energie kostet typisch das Dreifache einer kWh mechanischer Energie. Die Hebelwirkung von Effizienzmaßnahmen ist entsprechend hoch:

  • Leckageortung per Ultraschall: Systematisches Begehen aller Leitungen, Kupplungen und Anschlüsse; in der Praxis 20–30 % des Druckluftvolumens oft Leckagen
  • Netzdruck reduzieren: Jeder Bar weniger spart rund 7 % Kompressorenergie; viele Netze laufen unnötig auf hohem Druck
  • Bedarfsgerechte Kompressorsteuerung: Kaskadensteuerung oder Mastercontroller für mehrere Kompressoren vermeidet Leerlaufverluste
  • Nachkühler-Wärmerückgewinnung: Warmluft aus dem Kompressorkühler für die Hallenheizung nutzen — wirtschaftlich besonders attraktiv in der Heizperiode

Benchmarking: Spezifischer Energieverbrauch als Steuerungsgröße

Der spezifische Energieverbrauch (SEV) — also der Energieverbrauch je Produktionseinheit — ist die zentrale Kennzahl zur Bewertung und zum Vergleich von Produktionsanlagen. Er ermöglicht Aussagen unabhängig von der produzierten Menge und ist damit auch bei schwankendem Auslastungsgrad aussagekräftig.

Berechnung: SEV = Energieverbrauch [kWh] ÷ Produktionsmenge [Stück / kg / t / m²]

Beispiel: Eine Pressstraße verbraucht 80.000 kWh pro Monat und produziert 400 Tonnen → SEV = 200 kWh/t. Branchen-Benchmark liegt bei 165 kWh/t → Handlungsbedarf ist klar erkennbar.

Für das Energieaudit wird empfohlen, den SEV für mindestens 12 Monate rückwirkend zu erheben und monatlich aufzutragen. Saisonale Schwankungen, Produktionsunterbrechungen und Sonderchargen werden so sichtbar und können bei der Bewertung berücksichtigt werden.

Benchmarking-Quellen für die Praxis

  • Branchenverbände: VDMA, VDA, BDI und viele Fachverbände veröffentlichen Energieverbrauchskennwerte nach Branche und Betriebsgröße
  • Eigener Zeitverlauf: Vergleich des SEV über mehrere Jahre zeigt den Trend und die Wirkung bereits durchgeführter Maßnahmen
  • Herstellerangaben: Neue Maschinen werden mit Ziel-SEV-Werten ausgeliefert; Abweichungen davon zeigen Handlungsbedarf
  • Betriebsinterne Vergleiche: Mehrere gleichartige Anlagen im selben Betrieb können direkt gegeneinander verglichen werden und zeigen Best-Practice innerhalb des Unternehmens

Häufige Fragen zu Produktionsanlagen im Energieaudit

Eine Anlage gilt als Signifikanter Energieeinsatz, wenn sie mehr als 10 % des gesamten Energieverbrauchs des Unternehmens verursacht oder ein erhebliches Einsparpotenzial aufweist. In der Praxis erfüllen große Produktionsmaschinen, Druckluftstationen und Prozesswärmeerzeuger dieses Kriterium nahezu immer. Auch Anlagen unterhalb der 10-%-Schwelle können als SEU eingestuft werden, wenn das identifizierte Einsparpotenzial besonders hoch ist — die Einstufung liegt letztlich im sachkundigen Urteil des Energieauditors.
Ohne permanente Messtechnik lässt sich der Verbrauch aus Typenschilddaten schätzen: Nennleistung × Betriebsstunden × Lastfaktor ergibt eine Näherung. Lastfaktoren liegen für spanabhebende Maschinen typisch bei 0,4–0,6, für Hydraulikpressen bei 0,3–0,7. Allerdings können diese Berechnungen um ±30 % vom tatsächlichen Wert abweichen. Für eine belastbare Aussage sollte mindestens eine repräsentative Stichprobenmessung mit einem Klemmmessgerät oder portablen Leistungsanalysator durchgeführt werden — idealerweise über eine vollständige Schicht mit normaler Produktionsauslastung.
Druckluftanlagen weisen in Industriebetrieben durchschnittlich einen Leckageanteil von 20–30 % auf. Allein eine systematische Leckageortung per Ultraschall und das anschließende Abdichten der identifizierten Stellen spart typisch 10–20 % des Druckluftenergieverbrauchs. Eine Druckabsenkung um 1 bar reduziert den Kompressorenergiebedarf um rund 7 %. In Kombination mit Wärmerückgewinnung aus dem Kompressor — bis zu 80 % der Antriebsenergie werden als nutzbare Wärme frei — können Gesamteinsparungen von 25–40 % am Druckluftsystem erreicht werden.
Ja, besonders bei Pumpen, Lüftern und Kompressoren mit variablem Bedarf. Da die Leistungsaufnahme bei drehzahlgeregelten Strömungsmaschinen kubisch mit der Drehzahl sinkt, führt eine Drehzahlreduktion um 20 % bereits zu einer Leistungsreduktion von rund 49 %. Die Amortisationszeit liegt bei gut ausgelegten Anwendungen häufig zwischen 1 und 3 Jahren. Bei Anlagen mit konstantem Volllastbetrieb und ohne Teillastbedarf ist der Nutzen hingegen begrenzt — dort ist der Tausch auf einen energieeffizienteren Motor der bessere Ansatz.
Der spezifische Energieverbrauch (SEV) ergibt sich aus dem Energieverbrauch dividiert durch die Produktionsmenge in der gleichen Periode — z. B. kWh/Stück, kWh/kg oder kWh/t. Er ermöglicht den Vergleich über verschiedene Auslastungsgrade hinweg und bildet die Basis für Benchmarking gegen Branchenwerte oder vergangene Perioden. Für das Energieaudit ist der SEV ein zentraler Nachweis der Anlageneffizienz: Er zeigt, ob eine Anlage im Vergleich zu ähnlichen Betrieben oder dem eigenen Vorjahr besser oder schlechter dasteht, und ist Ausgangspunkt für die Formulierung messbarer Energieeinsparziele.

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