Normstruktur · DIN V 18599

Die 12 Teile der DIN V 18599 – Aufbau und Datenflüsse

Jeder der 12 Normteile ist ein eigenständiges Berechnungsverfahren mit definierten Eingangs- und Ausgangsgrößen. Hier erfahren Sie, was jeder Teil berechnet, welche Daten er benötigt und wie die Teile miteinander verbunden sind.

Monatliche Bilanzierung in Teil 2 – keine Jahresmittelwerte
30+ Nutzungsprofile in Teil 10 für alle Gebäudearten
Iterationsverfahren verbindet Hülle, Nutzung und Technik
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12
Normteile
30+
Nutzungsprofile
monatl.
Bilanzierung
iterativ
Berechnungsablauf
Systemlogik

Wie die 12 Teile zusammenspielen

DIN V 18599 ist kein einzelnes Rechenverfahren, sondern ein modulares System von 12 Teilen, die aufeinander aufbauen. Jeder Teil ist eigenständig – er kann einzeln angewendet werden, wenn die Eingangsgrößen aus anderen Quellen bekannt sind – entfaltet aber seinen vollen Wert im Zusammenspiel.

Der Berechnungsablauf folgt einem logischen Fluss: Zuerst werden in Teil 1 die Systemgrenzen und Zonen definiert. Dann berechnet Teil 2 den Nutzenergiebedarf für Raumheizung und -kühlung aus den Gebäudehülleigenschaften und Nutzungsprofilen (Teil 10). Parallel dazu liefert Teil 4 den Beleuchtungsenergiebedarf. Die Nutzungsenergien fließen in die Systemteile 5 bis 9, die jeweils die Anlagenverluste addieren und den Endenergiebedarf berechnen. Zuletzt gewichtet Teil 1 alle Ergebnisse mit den Primärenergiefaktoren.

Wichtig: Einige Teile haben Rückwirkungen auf andere. Die internen Wärmegewinne durch Beleuchtung (aus Teil 4) beeinflussen den Heizwärmebedarf in Teil 2. Die Abwärme von Kühlmaschinen (Teil 7) fließt als Wärmequelle zurück. Diese Verschränkungen machen eine isolierte Betrachtung einzelner Maßnahmen fehleranfällig.

Vereinfachter Datenfluss zwischen den Normteilen
TEIL 10Nutzungsprofile & Klimadaten
TEIL 2Nutzenergie Heizen/Kühlen
TEIL 4Beleuchtung
TEIL 5Heizsystem (Verluste)
TEIL 11Gebäudeautomation
TEIL 1Primärenergiebilanz
Intern erzeugte Wärme (Beleuchtung, Personen) aus Teil 4 beeinflusst Teil 2 – alle Wechselwirkungen sind iterativ
Teile 1 bis 6

Gesamtbilanz, Raumenergie und Wohngebäudesysteme

1
RAHMEN
Allgemeine Bilanzierungsverfahren – das Dach der Norm
Teil 1 definiert die Systemgrenzen, das Zonenkonzept, die Bilanzierungslogik und die Primärenergiefaktoren. Hier wird festgelegt, welche Zonen getrennt bilanziert werden, wie Energieträger bewertet werden und wie die Einzelergebnisse der anderen Teile zum Gesamtgebäude zusammengeführt werden. Ohne Teil 1 gibt es kein konsistentes Gesamtergebnis.
Eingang: Gebäudegeometrie, Zonenaufteilung Eingang: Primärenergiefaktoren GEG Ausgang: Primärenergiebedarf QP gesamt
2
HEIZEN/KÜHLEN
Nutzenergiebedarf für Raumheizung und Raumkühlung
Teil 2 ist der Kern der Gebäudehüllenbewertung. Er berechnet monatlich, wie viel Energie der Raum zum Heizen oder Kühlen benötigt. Dazu werden Transmissionswärmeverluste (U-Werte × Flächen × Temperaturdifferenz), Lüftungswärmeverluste, interne Wärmegewinne (Personen, Geräte, Beleuchtung) und solare Wärmegewinne (Verglasung, Orientierung, Verschattung) gegeneinander bilanziert. Das Ergebnis ist der monatliche Nutzwärmebedarf Qh,N und Nutzkühlbedarf Qc,N.
Wärmeverluste Wärmegewinne
Jan
Feb
Mär
Apr
Mai
Jun
Jul
Aug
Sep
Okt
Nov
Dez
Schematische Monatsbilanz – Saldo bestimmt Heiz- oder Kühlbedarf
Eingang: U-Werte, Flächen, g-Werte Eingang: Nutzungsprofil (Teil 10), Klimadaten Ausgang: Qh,N und Qc,N je Monat
3
RLT NUTZ
Nutzenergie für thermische Luftaufbereitung – RLT-Anlagen
Teil 3 berechnet den Wärmebedarf, der für die Konditionierung der Zuluft in RLT-Anlagen benötigt wird – getrennt nach Heizen, Kühlen, Befeuchten und Entfeuchten. Entscheidend sind die Luftmenge (m³/h), die Außenlufttemperaturen und -feuchtigkeiten sowie die gewünschten Zuluftzustände. Bei Anlagen mit Wärmerückgewinnung reduziert der Temperaturänderungsgrad der WRG die benötigte Heizleistung erheblich. Dieser Nutzenergiebedarf ist von der Raumenergie in Teil 2 zu unterscheiden.
Eingang: Luftvolumenstrom, WRG-Grad Eingang: Außenluftbedingungen (Teil 10) Ausgang: Nutzenergie Zuluft-Konditionierung
4
LICHT
Nutz- und Endenergiebedarf für Beleuchtung
Teil 4 berechnet den Energiebedarf für die Kunstbelichtung unter Einbeziehung von Tageslichtverfügbarkeit, Fensterflächen und Raumgeometrie. Der Tageslichtversorgungsgrad wird über Raumtiefe und Glasanteil der Fassade ermittelt. Präsenzsteuerung reduziert die Betriebsstunden um einen normierten Faktor. Die intern erzeugte Wärme der Leuchten (Abwärme) fließt als Wärmegewinn in Teil 2 zurück – bei hoher Beleuchtungsdichte kann das den Heizwärmebedarf spürbar senken, den Kühlbedarf aber erhöhen.
Eingang: Nennbeleuchtungsstärke (lx), Fläche Eingang: Tageslichtverfügbarkeit, Betriebszeit Ausgang: Endenergie Beleuchtung, interne Wärmegewinne
5
HEIZUNG
Endenergiebedarf für Heizsysteme – die Anlagenkette
Teil 5 bilanziert die gesamte Heizkette: Wärmeübergabe (z. B. Heizkörper vs. Fußbodenheizung), Wärmeverteilung (Rohrnetz, Pumpen), Wärmespeicherung (Pufferspeicher) und Wärmeerzeugung (Kessel, Wärmepumpe, Fernwärme). Für jedes Glied werden Verluste addiert. Bei Wärmepumpen wird der COP temperaturabhängig berechnet – eine Sole-Wasser-Wärmepumpe mit Tiefenbohrung hat typisch COP = 3,5–4,5, eine Luft-Wasser-WP je nach Außentemperatur COP = 2,2–3,8.
Eingang: Qh,N aus Teil 2 Eingang: Anlagenparameter (Kessel-η, COP, Rohrisolierung) Ausgang: Endenergiebedarf Heizung Qh,E
6
WOHNLÜFT
Wohnlüftungsanlagen – nur für Wohngebäude
Teil 6 behandelt ausschließlich kontrollierte Wohnraumlüftungsanlagen (KWL), also dezentrale oder zentrale Lüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung für Wohngebäude. Berechnet wird der elektrische Ventilatorbedarf und der thermische Wärmeverlust durch die Abluft (nach WRG). Typische WRG-Grade liegen bei 70–90 % für Gegenstromwärmetauscher, ca. 60 % für Kreuzgegenstrom. Bei fehlender WRG gilt die vollständige Abluftenergie als Verlust.
Eingang: Luftwechselrate, Wohnfläche Eingang: WRG-Temperaturänderungsgrad Ausgang: Strom Ventilatoren, thermischer Lüftungsverlust
Teile 7 bis 12

Kälteanlagen, Warmwasser, KWK, Automation und Tabellenverfahren

7
RLT/KÄLTE
RLT- und Klimakältesysteme für Nichtwohngebäude
Teil 7 berechnet den Endenergiebedarf für die gesamte RLT- und Kälteanlage in Nichtwohngebäuden. Er umfasst Ventilatoren, Pumpen, Kältemaschinen und Rückkühlwerke. Die Kältemaschinen werden mit ihrem EER (Energy Efficiency Ratio) bewertet – Kompressionskältemaschinen erreichen typisch EER = 2,5–4,5, bei freier Kühlung (free cooling) sogar EER > 10. Absorptionskältemaschinen, die mit Abwärme betrieben werden, erhalten eine Gutschrift auf den Wärmeverbrauch.
Eingang: Kühlbedarf aus Teil 2/3, EER Kältemaschine Ausgang: Endenergie Kälte, Strom Ventilatoren/Pumpen
8
WARMWASSER
Trinkwarmwasserbereitung und -verteilung
Teil 8 bilanziert den Endenergiebedarf für Trinkwarmwasser (TWW). Der Nutzenergiebedarf ergibt sich aus dem Warmwasserbedarf je Person und Tag (Wohngebäude: 12,5 kWh/(m²·a) pauschal laut GEG) sowie den gewünschten Temperaturen. Die Anlagenkette umfasst Erzeugung (Kessel, Wärmepumpe, Solarkollektor), Speicher und Verteilung. Lange Zirkulationsleitungen ohne ausreichende Isolierung können die Verluste auf bis zu 50 % des Nutzenergieanteils treiben.
Eingang: Warmwasserbedarf, Rohrlängen, Isolierung Ausgang: Endenergie TWW-Bereitung und -verteilung
9
KWK
Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen – Gutschriftmethode
Teil 9 behandelt KWK-Anlagen wie BHKW (Motor-BHKW), Mikro-KWK und Brennstoffzellen. Die Berechnungsmethodik verwendet eine Gutschriftmethode: Der gleichzeitig mit Wärme produzierte Strom wird mit dem Primärenergiefaktor für Strom gewichtet und als Gutschrift von der Gesamtbilanz abgezogen. Ein BHKW mit 35 % elektrischem und 50 % thermischem Wirkungsgrad bei 4.000 Volllaststunden/Jahr kann die Primärenergiebilanz eines größeren Gebäudes um 15–30 % verbessern.
Eingang: el. und th. Wirkungsgrad, Volllaststunden Ausgang: Endenergie KWK, Strom-Gutschrift auf QP
10
RANDBEDING.
Nutzungsprofile und Klimadaten – die Eingangsbasis
Teil 10 enthält alle normierten Randbedingungen für die Berechnung: über 30 Nutzungsprofile für verschiedene Gebäudearten (Büro, Schule, Hotel, Krankenhaus, Lager, Gastronomie, usw.), meteorologische Klimadaten (TRY-Datensätze für 15 Regionen) und Betriebsparameter. Jedes Nutzungsprofil definiert Betriebszeit, Raumsolltemperatur, Belegungsdichte (m²/Person), Wärmeabgabe der Personen (W/m²) und Beleuchtungsstärke (lx).
Liefert Eingangsgrößen an: Teile 2, 3, 4, 5, 8 Nutzungsprofile: Büro, Schule, Hotel, Klinik, Lager, ...
11
AUTOMATION
Gebäudeautomation – Effizienzklassen A bis D
Teil 11 setzt die Europäische Norm EN 15232 in den 18599-Rahmen um. Gebäudeautomationssysteme werden in vier Klassen eingeteilt: Klasse A (hoch automatisiert, z. B. KNX mit Raumregelung und Optimierungsalgorithmen), Klasse B (erweiterte Regelung), Klasse C (Standard – Referenzklasse) und Klasse D (keine oder ineffiziente Automation). Für jede Klasse sind Effizienzfaktoren tabelliert, die auf den Endenergiebedarf der Subsysteme angewendet werden.
Eingang: Automationsklasse A/B/C/D, Gebäudetyp Ausgang: Korrekturfaktoren auf Qh,E, Qc,E, QL,E
12
TABELLEN
Tabellenverfahren Wohngebäude – vereinfachte Berechnung
Teil 12 bietet ein stark vereinfachtes Rechenverfahren speziell für Wohngebäude ohne komplexe Anlagentechnik. Statt der vollständigen Monatsbilanz aus Teil 2 werden Tabellenwerke für typische Bauteilkombinationen und Heizsystemvarianten verwendet. Das Verfahren ist weniger präzise, aber deutlich schneller durchführbar und für einfache Nachweise bei Standardwohngebäuden (keine KWK, keine komplexen RLT-Anlagen) vollständig GEG-konform.
Eingang: U-Werte, Heizsystem, AN Ausgang: Vereinfachter QP für GEG-Nachweis WG
Teil 10 im Detail

Ausgewählte Nutzungsprofile aus DIN V 18599 Teil 10

Die Nutzungsprofile definieren die normierten Betriebsbedingungen, unter denen jede Zone bilanziert wird. Hier ein Auszug aus den wichtigsten Nutzungsarten.

Nutzungsart Betriebszeit Heiz-Soll [°C] Belegung [m²/P.] Beleuchtung [lx] Interne Last [W/m²]
Büro (Einzelbüro)7–18 Uhr20850014
Großraumbüro7–18 Uhr201250012
Besprechungsraum8–17 Uhr20330020
Schulzimmer7–16 Uhr202,530015
Verkaufsfläche7–21 Uhr20575025
Hotel Zimmer0–24 Uhr22201508
Krankenhaus Bettenstation0–24 Uhr221520010
Gastronomie10–22 Uhr20220030
Hallenbad6–22 Uhr30300
Kühllager0–24 Uhr51005

Angaben sind vereinfacht und dienen der Übersicht. Maßgeblich sind die aktuellen Tabellenwerte der DIN V 18599-10.

Warum die Monatsbilanz besser ist als Jahresmittelwerte

Ein Jahresmittelwert der Außentemperatur (z. B. 9,5 °C für Deutschland) würde suggerieren, dass das Gebäude ganzjährig etwa gleich viel Heizenergie benötigt. Die Monatsbilanz in Teil 2 zeigt dagegen, dass im Juli keine Heizenergie benötigt wird, sondern stattdessen Kühlenergie anfällt. Wichtig ist auch die Überlagerung mit solaren Gewinnen: Ein nach Süden ausgerichtetes Büro hat im März und April oft keinen Heizbedarf mehr, weil die Sonneneinstrahlung die Verluste übersteigt – obwohl die Außentemperatur noch unter dem Soll liegt.

  • Januar/Februar: max. Heizbedarf, minimale solare Gewinne
  • März/April: Übergangsmonat – solare Gewinne übersteigen häufig Verluste
  • Mai–August: kein Heizbedarf, je nach Nutzung Kühlbedarf
  • Oktober/November: Übergang zurück zum Heizbedarf
  • Gesamtergebnis ist die Summe der monatlichen Einzelergebnisse

Automationsklassen und ihr Einfluss auf die Bilanz

Die Wahl der Automationsklasse in Teil 11 hat oft unterschätzten Einfluss auf das Berechnungsergebnis. Für ein typisches Bürogebäude ergeben sich folgende Korrekturfaktoren auf den Heizbedarf gegenüber Klasse C (Referenz):

  • Klasse A: Faktor 0,88 – Heizbedarf 12 % unter Referenz
  • Klasse B: Faktor 0,95 – Heizbedarf 5 % unter Referenz
  • Klasse C: Faktor 1,00 – Referenzklasse (Standard)
  • Klasse D: Faktor 1,10 – Heizbedarf 10 % über Referenz
  • Kühlung und Lüftung haben eigene Faktoren je Klasse
FAQ

Häufige Fragen zu den 12 Normteilen

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