Sommerlicher Schutz · DIN V 18599

Sommerlicher Wärmeschutz in DIN V 18599 – Überhitzung, Sonnenschutz und Kühllastminimierung

Steigende Außentemperaturen, wachsende IT-Lasten und große Glasflächen treiben den Kühlbedarf. So werden Sonnenschutzmaßnahmen bewertet, passive Kühlung ausgeschöpft und der Nachweis korrekt geführt.

Raffstore: g-Reduktion auf 0,10–0,15
Nachtlüftung als passive Kühlung
DIN 4108-2 Nachweis: Sonneneintragskennwert S
FAQ Beratung
g = 0,10 Raffstore außen
Nachtlüftung passive Kühlung
DIN 4108-2 vereinfachter Nachweis
Q_c Monatsbilanz Kühlung
Überblick

Warum sommerlicher Wärmeschutz immer wichtiger wird

Der Klimawandel verschiebt die Heizgradtage nach unten und die Kühlgradtage nach oben. Gleichzeitig steigen interne Wärmelasten durch IT-Infrastruktur in Bürogebäuden erheblich. Und moderne Architektur setzt verstärkt auf große Glasflächen, die zwar Tageslicht ins Innere bringen, aber auch solare Einträge im Sommer. Ohne wirksame Sonnenschutzmaßnahmen entstehen hohe Kühllasten, die teure Klimatechnik erfordern.

DIN V 18599 erfasst den sommerlichen Kühlbedarf Q_c über eine monatsweise Energiebilanz aller Wärmequellen und Wärmesenken. Ziel ist es, diesen Bedarf durch passive und aktive Maßnahmen zu minimieren, bevor eine Klimaanlage geplant wird.

Sonnenschutz g-Werte

Sonnenschutzmaßnahmen im g-Wert-Vergleich

Der gesamte Energiedurchlassgrad g_tot (Kombination aus Verglasung und Sonnenschutz) entscheidet, wie viel solare Wärme ins Gebäude gelangt. Kleinere Werte = besser im Sommer.

Gesamtenergiedurchlassgrad g_tot verschiedener Sonnenschutzmaßnahmen

Keine Maßnahme (Standard-Verglasung)
0,65
Sonnenschutzverglasung
0,35
Innenliegende Jalousie (weiß)
0,50
Außenliegende Markise
0,20
Außenliegender Raffstore (auto. geregelt)
0,10
Nachweisverfahren

Zwei Nachweisverfahren: vereinfacht vs. detailliert

DIN 4108-2 – Vereinfachter Nachweis

Berechnung des Sonneneintragskennwerts S aus Verglasungsflächenanteil, g-Wert und Verschattungsmaß. S muss den tabellierten Grenzwert So,max (abhängig von Klimaregion, Orientierung, Gebäudeart) nicht überschreiten. Schnell, keine internen Lasten berücksichtigt, keine Angabe von kWh – nur Ja/Nein-Nachweis.

DIN V 18599 – Kühllastberechnung

Monatliche Bilanz des Kühlbedarfs Q_c als Summe aus Transmissionswärme, internen Wärmelasten (IT, Personen, Beleuchtung), solaren Einträgen je Orientierung und Lüftungswärmeeintrag abzüglich nutzbarer Wärmesenken (Nachtlüftung, Speichermasse). Ergebnis in kWh/(m²·a). Für KfW-Nachweise und Planungsoptimierung erforderlich.

Interne Lasten

Interne Wärmelasten in Bürogebäuden

Interne Wärmelasten aus Geräten, Personen und Beleuchtung sind oft der dominante Treiber des Kühlbedarfs – größer als solare Einträge.

Wärmequelle Typische Wärmeleistung Relevanz für Kühllast Minderungsmaßnahme
IT-Geräte (moderne Büros) 15–40 W/m² Sehr hoch Server in Serverraum auslagern
Personen (Bürobelegung) 8 W/m² sensibel Mittel–hoch Belegungsregelung, Homeoffice
Beleuchtung 10–15 W/m² Mittel LED + Tageslichtsteuerung (3–5 W/m²)
Sonstige Geräte 3–8 W/m² Gering Standby-Abschaltung
Baukörperorientierung

Sonnenschutz je Himmelsrichtung – so unterschiedlich ist der Aufwand

SÜDEN

Gut mit horizontalem Überstand oder Raffstore beschattbar. Hochstand-Sonne lässt sich geometrisch berechnen.

NORDEN

Kaum solare Gewinne im Sommer – kein aktiver Sonnenschutz nötig. Kühler Naturzug für Querlüftung nutzbar.

OSTEN

Tiefstehende Morgensonne schwer zu beschatten. Außenliegender Raffstore oder Markise mit schräger Stellung erforderlich.

WESTEN

Tiefstehende Abendsonne trifft auf aufgeheiztes Gebäude. Kritischste Fassade – maximaler Sonnenschutzaufwand.

Passive Kühlung

Passive Kühlungsmaßnahmen ohne Klimaanlage

Gut geplante Gebäude benötigen oft gar keine aktive Kühlung oder nur eine stark reduzierte. Diese Maßnahmen mindern den Kühlbedarf ohne Stromeinsatz.

Nachtlüftung

Öffnungen nachts aufmachen, wenn Taußentemperatur unter Raumtemperatur fällt. Speichermasse lädt sich mit kühler Nachtluft auf und puffert tagsüber.

0 Strom

Thermische Speichermasse

Massivdecken, Sichtbeton, Lehmputz und Ziegelinnenwände speichern Wärme. Je 1 cm Beton: ca. 50 Wh/m² Speicherkapazität.

0 Strom

Dach- & Fassadenbegrünung

Verdunstungskühle senkt die Oberflächentemperatur um 20–40 K. Extensivbegrünung auf Flachdach reduziert Wärmeeinfall durch die Dachkonstruktion.

minimal Pflege

Erdwärme (Erdregister)

Zu- oder Abluft wird durch Erdreichleitungen geführt (15–18 °C). Sommer: Vorklühlung. Winter: Vorwärmung. Effizient bei zentraler Lüftungsanlage.

wenig Strom

Außenliegender Sonnenschutz

Raffstore, Schiebeläden oder Markisen außerhalb der Verglasung halten solare Wärme aus dem Raum. Wirkungsgrad bis zu 90 %.

gering Strom

Adiabate Kühlung

Zuluftkühlung durch Wasserverdunstung. COP 10–15, deutlich effizienter als Kompressor-Kühlung. Nur in trockenen Regionen sinnvoll.

wenig Strom
Richtwerte

Richtwerte für den sommerlichen Kühlbedarf

Wohngebäude, guter Sonnenschutz, Nachtlüftung 0–5 kWh/(m²·a)
Büro, außenliegender Sonnenschutz, Nachtlüftung 10–20 kWh/(m²·a)
Büro, innenliegender Sonnenschutz, geringe Speichermasse 25–45 kWh/(m²·a)
Glasgebäude (Vorhangfassade), kein Sonnenschutz 50–100 kWh/(m²·a)

Zum Vergleich: Der Kühlenergiebedarf eines schlecht geschützten Bürogebäudes kann den Heizwärmebedarf eines gut gedämmten Neubaus übersteigen. Sommerlicher Wärmeschutz ist daher keine Nebenbedingung, sondern ein zentraler Planungsparameter – besonders im Kontext steigender Strombeschaffungskosten für Kühlung.

Planungshinweise

Drei Grundregeln für wirksamen sommerlichen Wärmeschutz

Außen vor innen

Sonnenschutz außerhalb der Verglasung ist 5–7 mal wirksamer als innen. Innenliegende Jalousien reflektieren zwar Licht, wandeln die Solarstrahlung aber in Wärme um, die im Raum verbleibt.

Kompakter Baukörper

Ein kompakter Baukörper mit kleinem A/V-Verhältnis hat weniger exponierte Außenflächen. Gleichzeitig ermöglicht er Querlüftung und vereinfacht die Beschattung geometrisch.

Automatische Steuerung

Manuell betätigter Sonnenschutz wird häufig vergessen oder bewusst nicht genutzt (Blendung). Automatische Regelung per Einstrahlungssensor (>300 W/m²) sichert die Wirkung und senkt g_tot auf den Berechnungswert.

FAQ

Häufige Fragen zum sommerlichen Wärmeschutz

Nicht zwingend. Bürogebäude mit guten passiven Maßnahmen – außenliegender Sonnenschutz, ausreichend Speichermasse, effektive Nachtlüftung – kommen ohne mechanische Kühlung aus, wenn der Kühlbedarf unter ca. 10–15 kWh/(m²·a) bleibt. Entscheidend sind der Verglasungsflächenanteil, die Gebäudeorientierung, die internen Lasten (IT, Personen, Beleuchtung) und der Klimastandort. Moderne Bürogebäude mit hohen IT-Lasten über 25 W/m² benötigen in der Regel zumindest eine ergänzende aktive Kühlung, die sich aber durch passive Maßnahmen deutlich verkleinern lässt.

Nachtlüftung funktioniert unter drei Voraussetzungen: Erstens muss die nächtliche Außentemperatur regelmäßig unter die Rauminnentemperatur sinken (Abkühlung von mindestens 5 K). Zweitens braucht das Gebäude ausreichend thermische Speichermasse (Beton, Ziegel, Lehm), die die tagsüber gespeicherte Wärme nachts wieder abgeben kann. Drittens dürfen die internen Wärmelasten nicht zu hoch sein. In Deutschland funktioniert Nachtlüftung für Büros bis etwa 40–50 m² Grundfläche pro Außenluftöffnung gut. Bei höheren IT-Lasten stößt der Ansatz an seine Grenzen.

DIN 4108-2 verwendet den vereinfachten Sonneneintragskennwert S (dimensionslos), der mit einem Grenzwert So,max verglichen wird. Dieser Ansatz ist schnell und benötigt wenige Eingabedaten, berücksichtigt aber weder interne Lasten noch Speichermasse – es gibt kein kWh-Ergebnis, nur eine Ja-/Nein-Aussage. DIN V 18599 berechnet den Kühlbedarf Q_c monatsweise als vollständige Energiebilanz aller Wärmequellen (Transmission, interne Lasten, solare Einträge, Lüftung) abzüglich nutzbarer Wärmesenken. Das Ergebnis in kWh/(m²·a) ist präziser und für KfW-Nachweise sowie Anlagendimensionierung erforderlich.

Ein außenliegender Raffstore (Investition ca. 150–300 €/m² Fenster) reduziert den Kühlbedarf eines Bürogebäudes typischerweise von 40 auf 15 kWh/(m²·a) – eine Einsparung von 25 kWh/(m²·a). Bei 1.000 m² Nutzfläche und 0,20 €/kWh Strom für Kühlung ergibt das 5.000 €/Jahr Einsparung. Die Amortisationszeit liegt bei ca. 5–8 Jahren. Über 20 Jahre Lebensdauer summiert sich der Nettovorteil auf 70.000–90.000 € gegenüber keiner aktiven Sonnenschutzmaßnahme – noch ohne den Wert einer nicht benötigten oder kleineren Klimaanlage einzurechnen.

Ja, und es ist sogar empfehlenswert. Automatische Steuerung per Sonnenstandsregelung oder Einstrahlungssensor (Schwellwert > 300 W/m²) stellt sicher, dass der Sonnenschutz tatsächlich genutzt wird und nicht durch manuelles Vergessen offenbleibt. Für die Bilanz nach DIN V 18599 wird die Steuerungsart dokumentiert: Ein automatisch geregelter Raffstore erreicht g_tot ≈ 0,10–0,13, ein manuell betätigter nur 0,15–0,20. Die Differenz kann im Kühlbedarf mehrere kWh/(m²·a) ausmachen. Moderne KNX- oder DALI-Steuerungen binden den Sonnenschutz in die Gebäudeautomation ein und berücksichtigen gleichzeitig Blendschutz und Tageslichtnutzung.

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