Nutzungsprofile übersetzen den realen Gebäudebetrieb in standardisierte Eingabeparameter für die Energiebilanzberechnung. Sie definieren, wann ein Gebäude genutzt wird, wie viele Menschen sich darin aufhalten und welche internen Lasten entstehen.
Nutzungsprofile sind standardisierte Parametersätze, die das typische Nutzungsverhalten eines Gebäudetyps beschreiben. Sie umfassen Belegungszeiten, Personendichte, interne Wärmelasten durch Personen und elektrische Geräte, Beleuchtungsbedarf, Lüftungsvolumenströme und Raumsolltemperaturen — alles aufgeteilt nach Tageszeit und Wochentag.
Kernprinzip: Nutzungsprofile ermöglichen es, zwei verschiedene Gebäude desselben Typs energetisch vergleichbar zu bilanzieren — unabhängig davon, wie die jeweiligen Nutzer tatsächlich heizen, lüften oder beleuchten. Der Nachweis gilt dem Gebäude, nicht dem Nutzer.
Ohne Standardprofile wäre ein Gebäudevergleich sinnlos: Ein intensiv genutztes Büro mit vielen Laptops und viel Sonneneinstrahlung hätte einen völlig anderen Energiebedarf als ein spärlich genutztes Verwaltungsgebäude — obwohl die Gebäudehülle identisch sein könnte. Die Normierung durch Nutzungsprofile eliminiert diesen Einfluss und macht den Ausweis gebäudebezogen.
Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Standardparameter für häufig vorkommende Nutzungstypen. Die Werte gelten für Volllastbetrieb während der ausgewiesenen Nutzungszeiten.
| Nutzungstyp | Nutzungszeit | θ_i (°C) | q_I,P (W/m²) | q_I,A (W/m²) | V̇_Pers (m³/(h·P)) | E_m (lx) | Betriebsstunden/a |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Büro Einzelbüro | Mo–Fr 7–18 Uhr | 20 | 7 | 14 | 40 | 500 | ca. 2.500 |
| Büro Großraumbüro | Mo–Fr 7–18 Uhr | 20 | 7 | 16 | 40 | 500 | ca. 2.500 |
| Schule Klassenzimmer | Mo–Fr 8–17 Uhr | 20 | 11 | 4 | 30 | 300 | ca. 1.800 |
| Schule Sporthalle | Mo–Sa 8–22 Uhr | 18 | 20 | 2 | 35 | 300 | ca. 2.600 |
| Hotel Hotelzimmer | 0–24 Uhr (24/7) | 22 | 4 | 3 | 25 | 150 | 8.760 |
| Hotel Frühstücksraum | Mo–So 6–11 Uhr | 20 | 14 | 4 | 40 | 300 | ca. 1.825 |
| Einzelhandel Verkauf | Mo–Sa 7–20 Uhr | 20 | 5 | 6 | 30 | 750 | ca. 3.900 |
| Einzelhandel Supermarkt | Mo–Sa 7–22 Uhr | 20 | 5 | 8 | 30 | 1000 | ca. 4.680 |
| Lager Lagerhalle | Mo–Fr 6–18 Uhr | 15 | 3 | 1 | 25 | 100 | ca. 3.000 |
| Krankenhaus Patientenzimmer | 0–24 Uhr (24/7) | 22 | 8 | 5 | 35 | 100 | 8.760 |
| Krankenhaus OP-Saal | 0–24 Uhr (24/7) | 22 | 12 | 20 | 800 m³/(h·m²) | 1000 | 8.760 |
Hinweis: Werte sind vereinfachte Richtwerte. Die vollständigen Tabellen mit allen Gebäudetypen und Untertypen enthalten über 30 Nutzungskategorien mit detaillierten Abstufungen.
Das Lastprofil über den Tagesgang bestimmt nicht nur den Gesamtenergiebedarf, sondern auch die Spitzenlast — maßgeblich für die Auslegung von Heizungs- und Kühlsystemen. Die folgende Visualisierung zeigt typische Tagesprofile für verschiedene Nutzungstypen.
Die unterschiedlichen Lastprofile haben direkte Konsequenzen für die Auslegung der Haustechnik: Ein Bürogebäude kann Heizungsanlagen auf die morgendliche Aufheizphase (Nachtabsenkung bis 7 Uhr) dimensionieren. Ein Krankenhaus benötigt konstante Kapazität rund um die Uhr — die Anlagenauslegung muss deutlich höhere Mindestlasten sicherstellen.
Interne Wärmelasten entstehen durch Personen, elektrische Geräte und Beleuchtung. Sie reduzieren den Heizenergiebedarf — verursachen aber im Sommer Kühlbedarf. Ob interne Lasten per Saldo vorteilhaft sind, hängt von Klimastandort, Gebäudestandard und Nutzung ab.
Ergebnis für das Bürobeispiel: Die hohen internen Wärmelasten sparen 16.100 kWh Heizenergie — verursachen aber 20.200 kWh Kühlbedarf. Bei einer Gasheizung (fp 1,1) und Kompressionskühlung (COP 3, fp Strom 1,8) ergibt sich trotzdem ein schlechterer Primärenergiebedarf durch die Kühlung. Die Bewertung ist stets als Jahresbilanz aller Energieformen durchzuführen.
Bei nachweislich anderem Nutzungsmuster als dem Standardprofil kann ein individuelles Nutzungsprofil verwendet werden. Die Abweichung muss begründet, dokumentiert und im Auditbericht ausgewiesen werden.
Jede Abweichung vom Standardprofil muss mit konkreten Nachweisen begründet werden: Betriebstagebücher, Zugangsprotokolle, Schichtpläne oder Nutzungsvereinbarungen gelten als Belege. Unsichere Annahmen müssen konservativ (ungünstiger) getroffen werden.
Der gemessene Jahresverbrauch sollte innerhalb ±25 % des berechneten Bedarfs liegen. Systematische Abweichungen über 25 % deuten auf ein falsches Nutzungsprofil, unbekannte Verbraucher (z.B. nicht erfasster Serverraum) oder Messungsfehler hin.
In Großraumbüros ist nicht jeder Arbeitsplatz gleichzeitig besetzt. Gleichzeitigkeitsfaktoren von 0,6–0,8 für Personenlasten und 0,7–0,9 für Gerätlasten können bei entsprechendem Nachweis angewendet werden — reduzieren internen Lastansatz.